Ökonomische Nachtwächter

Nachdruck eines Artikels aus den Deutschen Schachblättern 1979 von Herbert Grasemann veröffentlicht unter seinem Anagramm-Pseudonym Arne Mangs.

Die nächsten drei Beispiele kennen Sie vielleicht/sicherlich/bestimmt schon.
In (A) hat Erich Brunner

(A) Erich Brunner
Alpine Chess 1921








#3

auf f2 statt eines Bäuerlein den Läufer hingestellt, weil er mit diesem bewussten Nachtwächter seine Flächenfreihaltungsidee gleich mehrfach unterstreichen konnte, mithin aus künstlerischer Überzeugung! Der Läufer stößt den Betrachter förmlich mit der Nase auf die Thematik des Stückes; bezogen auf diese Thematik ist er ein Nachtwächter, der ökonomisch mehr als gerechtfertigt, der dringend geboten ist! Ein weißer Bauer auf f2 würde die gegebene Möglichkeit, das Thema noch sinnfälliger zu machen, nicht im gleichen Ausmaß nutzen. Unökonomisch wäre er, der Bauer, nicht der Läufer!
Hiervon wesentlich verschieden ist der Daseinsgrund der beiden Nachtwächter in (B).

(B) Sam Loyd
Hartford Globe 1877








#2

Sie stehen nicht da, um den Löser zum Thema hinzuführen, sondern im Gegenteil um ihn davon abzulenken, ihn in die Irre zu locken. Für sie gibt es keine an der Thematik gemessene ökonomische Rechtfertigung, sie sind daher abzulehnen. Nur wenn Sie zufällig Sam Loyd heißen und vor hundert Jahren gelebt haben sollten, aber wirklich nur dann könnten Sie sich erdreisten, schneidige Offiziere zu Rosstäuschern zu erniedrigen, ohne Gefahr zu laufen, von der aufgebrachten Volksmenge gelyncht und von den indignierten Fachleuten in der Luft zerrissen zu werden.
Zu guter Letzt Erich Zeplers (C).

(C) Erich Zepler
Dresdner Anzeiger 1930








#3

Hier muss der Grenadier h7 auf das Umwandlungsfeld ziehen, würde aber am liebsten auf die Regelbeförderung zum Offizier verzichten und Gemeiner bleiben, wenn er dürfte. Darin, dass er nicht anders kann als sich die Uniform eines Nachtwächters anzuziehen, liegt der ganze fulminante Witz der Aufgabe. Der "Nachtwächter" als tragende Idee
Dr. Zepler hat damit nicht nur die bequeme, allgemein gebräuchliche Faustregel Ahues' ad absurdum geführt, er hat einen diskriminierten Berufsstand rehabilitiert.
Keine weiße Figur darf Nachtwächter spielen, also in der Lösung überflüssig sein! Zwischen Wortlaut und Ursinn dieser These klafft sperrangelweit eine Diskrepanz, die unerträglich ist. Was tun? Am besten, Sie machen es wie ich: Schicken Sie - spätestens bei Eintritt in die postpubertäre Phase Ihrer problemistischen Entwicklung - den Nachtwächter mit seiner Tranfunzel in Pension. Lassen Sie sich statt seiner von der im Gebrauch komplizierteren, aber nie versagenden Lichtquelle erleuchten, die da heißt Ökonomie.
Merke: Schach ist keine Glaubenssache. Denken ist erlaubt. Begegnet Ihnen einer, der im Brustton der Überzeugung behauptet, beim Komponieren gelte dieses oder jenes Ge- oder Verbot, so fragen Sie ihn mit naivem Augenaufschlag WIESO. Gerät er ins Stottern und kann er Ihnen nicht wie aus der Pistole geschossen eine Begründung nennen, die sich direkt aus dem Wesen des Schachproblems als eines Kunstprodukts herleitet, so haben Sie allen Anlass misstrauisch zu sein und sich eigene Gedanken zu machen.

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